Prof. Dr. phil. Dr. med. Dipl. Psych. Andreas Remmel



Therapie-Centrum Im Kurpark Bad Mergentheim



Achtsam und dankbar leben


Es sind wohl einige besondere Begegnungen mit besonderen Menschen, die mich in meinem Leben sehr geprägt haben.


Dankbar für solche „Gelegenheiten“ bin ich vor allem auch den lang-jährigen Förderungen der Studienstiftung des deutschen Volkes und des Cusanuswerks und den hervorragenden Möglichkeiten, die mir die Westfälische Wilhelms-Universität Münster und die Ludwig-Maximilians-Universität München, sowie einige Kliniken, Forschungs- und Weiterbildungs-einrichtungen über weite Phasen meines Lebens geboten haben.


Während meiner Studienzeit in Münster gehörten Vorlesungen und Vorträge von Josef Pieper, Karl Rahner, Johann Baptist Metz, Joseph Ratzinger, Oswald von Nell-Breuning, Hans Blumenberg, und viele darauf gründende Seminare und Diskussionen, zu den philosophisch-theologischen Sternstunden eines damals noch möglichen Studium generale.


Mit Sir John C. Eccles durfte ich während einer meiner Sommerakademien der Studienstiftung in Südtirol einen Wissenschaftler und Nobelpreisträger kennenlernen, der mich durch seine unprätentiöse Art, morgens mit uns Studenten zum Bergwandern zu gehen und uns nachmittags und am Abend den faszinierenden Kosmos der Neurowissenschaften zu eröffnen und die Brücke zwischen Naturwissenschaften und der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie des kritischen Rationalismus von Sir Karl R. Popper zu schlagen, tief beeindruckte.


Von Cyrill von Korvin-Krasinski, Benediktiner-Mönch in Maria-Laach, lernte ich früh eine Verbindung zwischen der abendländischen und asiatischen Medizin und Philosophie und das stete Bemühen, das einen guten Arzt und Therapeuten ausmachen sollte: eine Integration von Bewusstsein, Wille und Herzensgüte.


In den 90er Jahren boten mir meine hämatologischen Chefs am Klinikum Großhadern, Prof. Wolfgang Wilmanns und Prof. Hans-Jochem Kolb, und die LMU München, die besondere Gelegenheit, inmitten eines führenden europäischen Universitätsklinikums, ein philosophisch-anthropologisches „FoRUM – Interdisziplinäre Gespräche zur Psychosomatischen Medizin und Heilkunde“ zu etablieren und im Rahmen von Frühjahrs- und Herbstakademien bedeutende Zeitzeugen, Philosophen, Ärzte, Psychologen, Wissenschaftler und Kulturschaffende unseres Jahrhunderts zu Dialogforen einzuladen und ihre jeweilige Sicht auf eine umfassendere, personale Medizin und Heilkunde zu diskutieren.


Besonders beeindruckt haben mich dabei C.F. von Weizsäcker, der nicht nur in wenigen Minuten auf höchst eindrückliche Weise einen Einblick in die Quanten- und Relativitätstheorie vermitteln, sondern auch die philosophischen Grundlagen einer anthropologischen Medizin klar und nachvollziehbar darlegen und begründen konnte.

Ebenso unvergessen bleibt für mich eine Begegnung mit Viktor E. Frankl, der an einem Akademieabend in Großhadern tief bewegend seine authentische Lebenshaltung einer tiefen Sinn- und Lebensbejahung, trotz extremst erlebter Bedrohungs- und Vernichtungserfahrungen, vermittelte, so dass man in den Sälen eine Stecknadel fallen hören konnte.

Nachhaltig inspirierend waren für mich die zahlreichen Gespräche und Begegnungen mit Thure v. Uexküll, der sich auf eine so feinsinnige, hochgebildete und mitmenschlich hochinteressierende Art und Weise, für eine Integrierte Medizin engagierte, und dafür in der Semiotik die wichtigste Wissenschaftsdisziplin zum Verständnis der Kommunikation offener Systeme sah.

Sehr „evozierend“ fand ich auch Begegnungen mit Walter Jens, mit dem ich „mit seinen Augen“ einen Blick auf die Medizin und den Medizin-Betrieb nehmen konnte und der mir auf eine erfrischende und unverwechselbare Art und Weise immer wieder die Relativität und Standortgebundenheit unseres eigenen Sehens, Denkens und unserer Haltungen aufzeigte.


Und es waren zwei besondere Lehrer, die mich in meiner Grundhaltung, Patienten gegenüber, und in meiner praktischen ärztlichen und psychotherapeutischen Tätigkeit, sehr beeindruckten und beeinflussten.

Prof. Hans Jochem Kolb, Arzt, Hämatologe, Forscher und Hochschullehrer, der nicht nur Tag und Nacht, wie selbstverständlich, gemeinsame Visiten auf der José Carreras-Knochenmark-Transplantations-Einheit machte, sondern sich stets und bei allen Gelegenheiten mit umfassender Expertise, höchstem persönlichen Einsatz und Umsicht für die sich ihm anvertrauten Patienten und Angehörigen einsetzte. Und für den eine integrierte, auch psychoonkologische und psychosoziale Betreuung der Patienten und ihrer Familien ein selbstverständliches und authentisches Anliegen war, und der mich selbst in meiner eigenen Entwicklung dieser Haltung sehr gefördert hat - wenngleich mir dies initial zuweilen nur additiv, durch nicht selten sehr anstrengende Schichtdienste zwischen Hämatologie/Onkologie und Psychoonkologie, zu leisten möglich schien.

Und Hildegund Heinl, therapeutische Lehrerin, Ärztin, Orthopädin und Psychotherapeutin, die es, auf der Basis eines umfassenden somatischen und psychologischen Wissens, einer tiefenhermeneutischen, intuitiven, feinfühligen Diagnostik und ihres einzel- und gruppentherapeutischen Repertoires einer körperorientierten Gestalttherapie, auf so besondere Art und Weise liebevoller und gütiger Zuwendung vermochte, Menschen ein Verständnis ihrer eigenen Lebensgeschichte und ihrer Prägungen zu ermöglichen und sie aus einer Versöhnung mit sich selbst zu einer tiefen Akzeptanz und einer tieferen Bejahung ihres Lebens zu führen.


Neben meiner langjährigen Tätigkeit in zahlreichen institutionellen Rollen und klinisch-therapeutischen Feldern (Psychonkologie, Borderline- und Traumatherapie, Behandlung von Patienten mit Essstörungen, Somatisierungsstörungen, Ängsten und Depressionen; Klinik- und Institutsleitungen) haben mich in den letzten 10-15 Jahren einige weitere Menschen tief beeindruckt, bewegt und zu einem zunehmend eigenständigen Weg ermutigt.

Mit Jon Kabat Zinn habe ich einen Menschen, Wissenschaftler und Lehrer kennen gelernt, der nicht nur die Haltung von Achtsamkeit und Gewahrsein in die westliche Medizin eingeführt hat, sondern der auf eine authentische und ermutigende Art und Weise Gewahrsein, Bewusstseinsforschung, Mitgefühl und Wohlwollen, in persönlichen Begegnungen lebt und erfahrbar macht.

Mit Thich Nhat Than durfte ich in Retreats einen Philosophen und spirituellen Lehrer kennen lernen, der in einer für mich unvergleichbaren Art und Weise, durch die Einfachheit seiner bildhaft-metaphorischen Sprache, seine tiefe Herzensbildung und Herzenswärme, durch Präzision, Bescheidenheit und Demut, und durch eine hohe Gradlinigkeit und Disziplin, ein tief inspirierendes Vorbild für den immer währenden Geist des Anfängers und eine anschaulich gelebte Achtsamkeit ist.

Und schließlich Br. David Steindl-Rast, der in der Verbindung zwischen benediktinischer Spiritualität und asiatisch geprägter Achtsamkeit in der Tiefe unserer Existenz in jedem Moment eine tiefe Gelegenheit des Lebens sieht, der wir mit großer Dankbarkeit begegnen können und sollten.


Ich glaube, besondere persönliche Begegnungen sind existentielle Begegnungen, Begegnungen, die uns in unserem Mensch- und Person-Sein besonders tief berühren und eine erkenntnisfördernde, heilsame und handlungsleitende Kraft entfalten.


Und ich glaube, jeder einzelne Mensch ist aufgerufen, im Rahmen seiner eigenen, sich bietenden Möglichkeiten und Gelegenheiten, sein Leben in Freiheit und Verantwortung zu gestalten und sich mit Neugierde und Engagement individuellen und sozialen Aufgaben und Herausforderungen zu stellen und so Sinn und Werte zu leben und weiterzugeben.


Neben persönlichen und privaten Anliegen und der für mich wichtigsten Sinndimension, meiner eigenen Familie, sehe ich daher meine berufliche Aufgabe darin, mich als Mensch, Arzt, Wissenschaftler, Therapeut und Lehrer, dem Bemühen um eine theoretisch und praktisch fundierte Integrierte Medizin und eine anthropologisch orientierte, existentielle Therapie zu stellen und für mich selbst, und  ermutigend für und mit mir anvertrauten Menschen, in einem tieferen Sinne, achtsam und dankbar zu leben.